Kein anderes Volk in Deutschland jammert so sehr wie die Deutschen. Das bestätigt sogar eine Studie der EU. Doch warum jammern Menschen eigentlich? Und vor allem: Hilft es etwas?
Immer ich. Draußen ist es zu heiß, drinnen ist zu kalt. Mein Chef versteht mich nicht. Mein Partner erst recht nicht. Niemand liebt mich. Ich verdiene zu wenig. Nie habe ich Glück. Schuld an allem sind meine Eltern. Undsoweiterundsoweiter. Gejammert werden kann immer.
Und wir Deutschen sind laut einer europaweiten Studie der EU-Kommission drain sogar Europameister. In einer Umfrage mit 25.000 EU-Bürgern kam heraus, dass in keinem anderen europäischen Land die Bürger ihre Zukunft so pessimistisch sehen wie in Deutschland. Fast 70 Prozent der Deutschen sind danach der Annahme, dass sie in 20 Jahren schlechter gestellt sein werden als heute. Esten und Iren sind dagegen viel optimistischer gestimmt. In beiden Ländern sehen mehr als zwei Drittel der Befragten die Zukunft rosig.
Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat es schon vor langer Zeit gewusst. 2003 warf er den Deutschen vor, verwöhnt zu sein und zu viel zu jammern. Die Deutschen seien nach dem erstaunlichen Wiederaufbau nach dem Krieg und dem Ausbau der Wohlfahrtsstaates verwöhnt worden und hätten bis nach der Wiedervereinigung gelaubt, das ginge immer so weiter, sagte Schmidt.
Im angelsächsischen Raum macht man sich sogar lustig über die Deutschen und ihre «German Angst». Es gibt ein Buch darüber und sogar eine Website www.jammern.de. Und Wissenschaftler beschäftigen sich mit dieser «Macke» der Deutschen. Einer davon ist Professor Rolf Haubl vom Institut für Soziologie und Psychoanalytische Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt, der verschiedene Jammertechniken ausgemacht hat. Da gibt es zum Beispiel das Jammern, wenn Schmerzen oder andere Unannehmlichkeiten erwartet werden.
Manche Menschen jammern wegen der kleinsten Kleinigkeit. Damit wollen sie eigentlich sagen: «Ich brauche Zuwendung», «Tröste mich» oder «Ich bin schwach, deshalb musst du stark sein». Manche Menschen benutzen das Jammern wegen des schönen Gemeinschaftsgefühls, für andere ist es reiner Selbstschutz. Wer zum Beispiel um sein gutes Gehalt beneidet wird, erzählt vorsichtshalber gleich von der vielen Arbeit. So sollen der Neid des Anderen in Grenzen gehalten und unangenehme Reaktionen vermieden werden.
Deutsche jammern leise, Südeuropäer klagen theatralisch
In Deutschland wird zwar gerne gejammert, jedoch meist nicht laut geklagt. Denn das ist nicht gut angesehen. In Südeuropa etwa ist das anders. «Wenn zum Beispiel in der Türkei jemand stirbt, ist das Klagen laut und theatralisch», erzählt der Psychologe Michael Schellberg aus Hamburg. Dieses laute Klagen hat durchaus seine Vorteile, denn es entlastet.
Dagegen hat das leise Herumjammern in der Regel nur Nachteile. Das Problem wird nicht gelöst, der Jammerer zieht sich selbst mit seinen düsteren Gedanken immer weiter nach unten. So wirkt er nicht sehr anziehend auf seine Umgebung – das ist noch ein weiterer Grund, um frustriert zu sein. Wer ständig nur jammert, aber nichts ändert, bekommt auf längere Sicht auch nicht mehr die gewünschte Zusatzportion Zuwendung, sondern gar keine mehr. Denn Jammerer frustrieren auch ihre Mitmenschen – diese ziehen sich zurück.
Bei Paaren ist so etwas oft der Anfang vom Ende. Auch in Beziehungen sind Jammereien meistens gut verschlüsselte Botschaften. So kann zum Beispiel ihr Satz «Immer musst du ständig unterwegs sein» auch heißen «Ich möchte mit dir alleine Zeit verbringen». Weil sie das aber nicht so sagt, versteht er es nicht, sondern reagiert vielleicht sogar unwirsch. Und schon hat sie noch mehr Grund zum Jammern.
Doch die Jammerer haben meist eine Gemeinsamkeit: Eigentlich wollen sie gar nichts ändern. «Wer sich gemütlich festjammert, braucht nichts zu ändern und vermeidet die Selbstkonfrontation», sagt die ehemalige Studienrätin Ute Lauterbach aus Altenkirchen (Rheinland-Pfalz). Ihre Technik: Das Selbstmitleid und den Jammeranlass völlig unverhältnismäßig übertreiben, bis beides nicht mehr richtig ernst genommen werden kann. Die Perspektive wechseln, das Geschehen leichter nehmen und schließlich vielleicht sogar den Vor- im vermeintlichen Nachteil sehen – so lautet das Rezept.
In der Öffentlichkeit jammern meistens Frauen mehr als Männer. «Sie haben einfach eine größere Selbstenthüllungsbereitschaft», sagt Haubl. Frauen erzählen gerne, wie schlecht es ihnen geht, und das in alle Richtungen. Männer sind da deutlich zurückhaltender. Gegenüber anderen Männern ist für sie Jammern meist ein Tabu. Sie jammern lieber zu Hause bei ihrer Mutter oder bei ihrer Frau, im Krankenhaus kann es auch gerne eine Krankenschwester sein.
Der richtige Umgang mit Dauer-Jammerern
Doch wenn das Jammern nicht uferlos wird, kann es sogar nützlich sein. Es kann Wünsche aufdecken und Grenzen bewusst machen. Schellberg rät zum Beispiel, sich einen festen Zeitrahmen für das Klagen zu setzen und sein Gegenüber etwa mit dem Satz «Ich muss jetzt mal jammern» vorzubereiten. Dann wird sich alles von der Seele geredet und schließlich überlegt, ob und wie sich das Problem lösen lässt. So kann Jammern auch ein Weg zur Selbsterkenntnis sein.
Der Weg führt von «Ich will so nicht sein» zu «Ach, so bin ich», beschreibt es Autorin Lauterbach. Auch der Mediziner und Kabarettist Eckart von Hirschhausen hat sich mit dem Jammern beschäftigt. Er empfiehlt etwas Ähnliches wie Lauterbach: seinen eigenen Jammersätzen genau zuhören, sie kennenlernen und mit der Zeit immer öfter überhören.
Menschen, die viel jammern, haben oft kein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Sie haben sich in einer Opferrolle eingerichtet und neigen Psychologen zufolge zu einem passiv-aggressivem Verhalten. So sabotieren sie zum Beispiel bei der Arbeit oder zu Hause ihre Mitmenschen, indem sie etwa das Einkaufen «vergessen» oder der gewünschte Anruf «heute leider nicht geklappt hat». Dauer-Jammerern begegnet man daher am besten mit konkreten Nachfragen. «Woran hat es denn gelegen, dass es nicht geklappt hat?» gehört zum Beispiel dazu oder «Was würdest du denn tun, wenn es genau so wäre, wie du es dir wünschst?»
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